05.11.2019

Zwei Ländle-Asse fehlen

Marlies Männersdorfer trägt die Vorarlberger Medaillenhoffnungen

127 Turnerinnen und Turner aus allen Bundesländern tragen am 9./10. November 2019 in Graz ihren österreichischen Saisonhöhepunkt aus. Im Zentrum stehen die Staatsmeistertitel-Vergaben des kompletten „olympischen Programms“ – also der Mannschaften (2x), im Mehrkampf (2x) und an den Einzelgeräten (4x Frauen, 6x Männer). In nahezu allen Bewerben sind spannende Entscheidungen zu erwarten. Nur ein Topfavorit scheint laut Papierform unschlagbar: Lokalmatador und 2019-Ringe-Gesamtweltcupdritter Vinzenz Höck an seinem Spezialgerät.

 

Bei den Frauen verzichtet die bereits für die Olympischen Spiele qualifizierte Elisa Hämmerle (V) auf die nationalen Titelkämpfe und die Verteidigung ihrer beiden Geräte-Goldmedaillen aus 2018 („das heurige Jahr war sehr turbulent für mich und hat sehr viel Energie gekostet. Um in Tokio 2020 auf den Punkt fit zu sein, passt die Staatsmeisterschaft leider nicht in meine Trainingsplanung“). Alle weiteren Turnerinnen der heimischen Spitze gehen an den Start.

 

Marlies Männersdorfer (V), die Mehrkampfsiegerin der letzten beiden Jahre („ich habe die Enttäuschung der WM überwunden und bin nach einer kurzen Regenerationsphase wieder in Form. Jetzt hoffe ich natürlich, dass ich den Hattrick schaffe“) gilt ebenso als Sieganwärterin, wie Jasmin Mader (T). Chancen werden allerdings auch Bianca Frysak (W) eingeräumt.

 

Routinier Mader, die sich bei der WM vor einem Monat wie Hämmerle für Olympia qualifiziert hätte, wäre für Österreich mehr als maximal ein Quotenplatz erreichbar, gibt sich im Vorfeld gelassen („ich bin lange genug dabei, um einfach mein Bestes geben und dabei Spaß haben zu wollen“). Frysak hingegen hat für die Staatsmeisterschaften nochmals ihre Schwierigkeiten aufgestockt und sich gezielt vorbereitet („trotz der langen Saison mit vielen Wettkämpfen fühle ich mich ready, möchte sauber und fehlerfrei durchkommen“). In den Gerätefinali erwartet man bis zu sieben weitere Turnerinnen als potenzielle Medaillen-Kandidatinnen.

 

Top-Chancen für die Lokalmatadore Höck und Benda

 

Im Männer-Mehrkampf werden den beiden Grazern Vinzenz Höck und Alexander Benda, zuletzt auch bei der WM die beiden besten Österreicher, bei ihrer Heimmeisterschaft die größten Chancen zugesprochen. Beide nehmen diese Herausforderung an, auch wenn sich Benda einen anderen Termin für das Highlight zu Hause gewünscht hätte („nur ein paar Wochen nach der WM, also der größten und wichtigsten Belastung der Saison, ist es sehr schwer komplett fit zu sein. Mein Ziel ist dennoch ein solider Mehrkampf ohne Fehler“). Höck hofft insbesondere, „die Erwartungen der heimischen Fans zu erfüllen“.

 

Während Österreichs heuer dritter männlicher WM-Mehrkämpfer Matthias Schwab (V) die Staatsmeisterschaft auslässt („ich hatte im Vorfeld der WM mit Schulterproblemen zu kämpfen, daher lag mein Fokus in den letzten Wochen auf der Regeneration. Der ÖM-Verzicht ist die logische Konsequenz“), sieht sich der nur hauchdünn an der ÖFT-internen WM-Qualifikation gescheiterte Severin Kranzlmüller (OÖ) in Lauerposition: „Ich will einen sicheren und sauberen Mehrkampf und im Finale in Richtung Europameisterschaft meine neuen Übungen zeigen. Was dabei rauskommt, weiß ich noch nicht, aber es wird sicher spannend.“

 

Bei den Männer-Geräteentscheidungen verdient neben Vinzenz Höcks Ringe-Weltspitzenkür vor allem auch das Pauschenpferd besondere Beachtung. Hier treffen mehrere Hochkaräter aufeinander: Daniel Kopeinik (T) und Xheni Dyrmishi (W) – beide in Vorjahren schon Staatsmeister an diesem Gerät – standen heuer beide bereits in verschiedenen Weltcup-Finali. Dazu kommt Johannes Mairoser als dritter Pferd-Titelkandidat, da sich der noch amtierende Innsbrucker Mehrkampf-Staatsmeister nun hauptsächlich auf dieses eine Gerät konzentriert – und Severin Kranzlmüller scheint zusätzlich erfolgsverdächtig.

 

Zum zweiten Mal Einzel- und Mannschafts-Entscheidungen am selben Wochenende.

 

Erst zum zweiten Mal in der 73-jährigen Geschichte der Kunstturn-Einzel- und der 21-jährigen der Mannschafts-Staatsmeisterschaften werden diese ineinander verschränkt ausgetragen: dieser Versuch aus dem Vorjahr 2018 hat sich bewährt. In beide Teambewerbe geht Vorarlberg als Titelverteidiger, doch sind Prognosen für das Ergebnis 2019 schwierig.

 

ÖFT-Kunstturnerinnen-Sportdirektorin Eva Pöttschacher: „Aus dem Ländle-Siegerteam des Vorjahres fehlen heuer drei Turnerinnen, allen voran Elisa Hämmerle. Diese Schwächung könnten Tirol und Wien ausnutzen, doch alle drei Teams möchten gewinnen.“ Pöttschachers männliches Sportdirektor-Pendant Fabian Leimlehner: „Die Grazer werden alles daran setzen, den Titel in die Heimat zu holen. Doch einfach wird dies sicher nicht, denn Tirol, Vorarlberg und Oberösterreich haben da etwas dagegen. Es wird von der Tagesform abhängen.“

 

Erste Kunstturn-Staatsmeisterschaft in Graz seit 53 Jahren

 

Es überrascht angesichts der hohen Organisationskompetenz des Steirischen Landesturnverbandes in nahezu allen Belangen des Turnsports. So fand erst heuer im Sommer die Europameisterschaft im Rope Skipping in Graz statt. Doch es ist ewig lange her, dass eine Kunstturn-Staatsmeisterschaft ausgetragen wurde. Landesturn-Präsident Thomas Hayn: „Da die letzte Kunstturn-Staatsmeisterschaft in der Steiermark im Jahr 1992 in Schladming – und die letzte Staatsmeisterschaft in Graz im Jahr 1966 stattfand, ist es höchste Zeit, die besten Turnerinnen und Turner Österreichs in die steirische Landeshauptstadt zu holen.“

 

Für dieses „Comeback“ darf man sich neben allem Sportlichen viel Drumherum erwarten. So sorgt die Austragung im 2.000 Sitzplätze umfassenden Raiffeisen-Sportpark mit einer unüblichen Geräteanordnung für ein ebenso spezielles Ambiente, wie ein Großaufgebot an Multimedia-Präsentation und -Begleitung. So wird es erstmals bei einem österreichischen Turnwettkampf einen Internet-Live-Stream samt Live-Scoring von jedem einzelnen Gerät geben – am Samstag sind dies zehn Übertragungen gleichzeitig. Am Sonntag wird dann außerdem der ORF-Sport eine Fernseh-Übertragung von den Gerätefinali umsetzen.

 

73. Kunstturn-Staatsmeisterschaft Graz 2019

    127 Turnerinnen und Turner aus allen neun Bundesländern, allen Trainingszentren und 47 Vereinen
    Samstag, 9. November 2019: Mannschafts- und Mehrkampf-Tag:
    09:20 – 12:20 Uhr: Allgemeine Klassen und Allgemeine Junior/inn/enklassen weiblich und männlich (reduzierte Kür-Anforderungen)
    14:20 – 17:20 Uhr: Elite und Junior/innen
    Sonntag, 10. November 2019: Gerätefinal-Tag Elite und Junior/innen:

10:05 – 11.25 Uhr: Frauen Sprung und Stufenbarren; Männer Boden, Pauschenpferd und Ringe

12:35 – 14:00 Uhr: Frauen Schwebebalken und Boden; Männer: Sprung, Barren und Reck