05.11.2016

Rudolf Otepka mit offenem Brief an den Sportminister

Sehr geehrter Herr Bundesminister Mag. Hans Peter Doskozil,

Diesen Brief schreibe ich aus mehreren Gründen:


1. Sie haben in Ihrer bisherigen Tätigkeit als Minister gezeigt, dass Sie notwendige und für Österreich sich positiv auswirkende Änderungen auch gegen Widerstand durchsetzen wollen und können.

2. Weil ich mit dem Sport in Österreich seit dem Jahr 1946 in Verbindung bin. Zuerst als Aktiver, dann als Lehrer, Trainer und Funktionär – und daher mit den Sportlerinnen und Sportlern leide, wenn die möglichen Erfolge nicht eintreten.


3. Weil nach den Olympischen Spielen 2012 und 2016 in der Öffentlichkeit debattiert wird, warum die österreichischen Sportler dort so schlecht abgeschnitten und so wenige Medaillen erreicht haben.


Aus meiner Sicht haben die österreichischen Sportlerinnen und Sportler bei den Olympischen Spielen nicht schlecht, sondern überraschend gut abgeschnitten, wenn man bedenkt unter welchen Bedingungen sie in Österreich trainieren müssen. 


Das erste Problem ist die sportliche Infrastruktur und der exorbitante Sportstättenmangel. Es gibt viel zu wenige Sportstätten in denen man wettkampfgerecht – im Vergleich zu anderen Ländern – unter guten Bedingungen trainieren kann. Viele Sportler müssen deshalb zum Training in weit entfernte Orte oder sogar ins Ausland fahren wie z. Bsp.: Schwimmer, Wasserspringer, Leichtathleten. Sportvereine können neue Mitglieder nicht mehr aufnehmen, weil in den vorhandenen Sportstätten kein Platz mehr für diese ist.

Das zweite Problem ist das Sportbudget. Zum Ersten ist es viel zu gering und zum Zweiten werden von diesem kleinen Budget auch noch Aktivitäten bezahlt, die genau genommen aus dem Gesundheits-, Bildungs-, Integrations-, oder Sozialbudget zu bezahlen wären.

Das dritte Problem ist, dass Teile der für den Sport zuständigen Spitzenfunktionäre viel zu wenig Insiderwissen über den Sport haben und vor allem der Kontakt und die Verbindung zur Basis in den Vereinen fehlt. Die Wenigen, die dieses Wissen haben, können daher ihre wichtigen und richtigen Vorschläge und Ideen in den zuständigen Gremien nicht durchsetzen.


Viertens wird die für die allgemeine Gesundheit wichtige Bewegung mit Sport gleichgesetzt und verwechselt. Was hat Wandern, Joggen, Baden usw. mit Olympischem Sport zu tun?

Fünftens werden in der Öffentlichkeit von „selbsternannten Fachleuten“ dem Sport Unfälle und Verletzungen zugeschrieben, die nicht beim Sport, sondern in der Freizeit passieren. Aus der Statistik: 8 % der Unfälle passieren beim Sport und 92 % bei Freizeitbeschäftigungen. Und dann wird der Sport als „gefährlich“ eingestuft!

Sechstens hat die Schule hauptsächlich mit „Gesundem Bewegen“ und nicht mit Sport zu tun. Das liegt nicht nur, aber auch an der Ausbildung zum „Turnlehrer“ – viel Wissenschaft und viel zu wenig Praxis, kein Bezug zum Leistungssport. Da es immer mehr Ganztagsschulen gibt, muss man auch darauf Rücksicht nehmen. Kindern, die trainieren und Sport betreiben wollen, muss die Möglichkeit dazu gegeben werden! Da das internationale Leistungsniveau so hoch ist, genügt es nicht mehr wie früher, Talent zu haben. Jetzt muss man Talent und eine hervorragende sportliche Ausbildung von Kindheit an haben um international Erfolge zu erreichen. Wir sehen das an Sportlern wie Marcel Hirscher, Dominik Thiem und einigen anderen.

Siebentens wird von den „Bildschirm-Massenmedien“ hauptsächlich über Fußball, die Formel 1, Schifahren und Extremsport berichtet. Daneben werden ganz selten einzelne Ergebnisse von anderen Sportarten erwähnt. Viele Olympische Sportarten, in denen österreichische Sportlerinnen und Sportler international anerkannt gute Leistungen bringen, existieren in diesen Medien offensichtlich gar nicht. Wie soll dann guter Nachwuchs entstehen?


Sehr geehrter Herr Bundesminister, wenn Sie sich der Sache annehmen und Ihren Einfluss geltend machen, bin ich überzeugt, dass es für den Sport in Österreich besser werden kann. Viele Funktionäre, die die österreichische Situation genau kennen und die mit ganzer Kraft den Sportlerinnen, Sportlern und Sportvereinen zur Verfügung stehen, werden Sie gerne dabei unterstützen!


Mit sportlichen Grüßen, hochachtungsvoll

Rudolf Otepka, Ehrenpräsident des Österreichischen Fachverbands für Turnen