22.06.2016

EM spielen will gelernt sein

ELRED FAISST | Österreichs Fußballnationalmannschaft kämpft heute um den Einzug ins EM-Achtelfinale. Ein paar Millionen Teamchefs haben in den letzten Tagen über Chancen und Nichtchancen diskutiert. Darüber diskutiert, welche Spieler der einzige wirkliche Teamchef Marcel Koller einsetzen soll.

Vielen Diskussionen ist ein negativer Beigeschmack zu entnehmen, die österreichischen Fußballer seien ja ohnehin zu nichts, aber auch gar nichts fähig.

Österreich vergisst offensichtlich sehr schnell. Allein die Fakten zeigen, welch phänomenale Leistung die Koller-Schützlinge in den letzten beiden Jahren erbracht haben. Nur ein einziges Bewerbsspiel ging verloren. Die Mannschaft hat sich in der Weltrangliste von einem No-Name, der gerade noch knapp in der besseren Hälfte des Weltfeldes aufschien, zur Nummer zehn gemausert. Österreich „produzierte“ in den letzten Jahren Legionäre in großer Zahl. Noch vor fünf Jahren haben die Österreicher im Ausland kaum ein Stammleiberl gehabt, jetzt spielen die „Legios“ in ihren Mannschaften, zum Teil sogar in tragenden Rollen.

Was seit vielen Welt- und Europameisterschaften bekannt ist: Wenn eine Mannschaft genau in dieser Phase in ein kleines oder größeres Tief gerät, ist das Turnier nach ein paar Tagen schon wieder beendet. Egal wie groß oder klein die Fußballnation ist. Umgekehrt, wenn’s gerade bei einem Turnier läuft, kann es ganz weit nach vorne gehen. Sollte Österreich heute gegen Island scheitern, ist das nicht typisch Österreich. 

Wer’s nicht glauben will, schaue nach bei der letzten Weltmeisterschaft in Brasilien. Unser Gruppengegner Portugal fuhr schon nach der Vorrunde nach Hause – trotz eines Cristiano Ronaldo. Und auch für Europameister Spanien und Italien, die jetzt im Achtelfinale aufeinander treffen, war die WM nach drei Spielen schon wieder zu Ende.

Sollte Österreich heute den Aufstieg nicht schaffen, ist das keine Tragödie. Dann geht es im Herbst schon weiter mit dem Anlauf auf die WM 2018 in Russland. Der wieder erfolgsversprechend werden könnte. Sollte Österreich den Aufstieg schaffen, ist das auch nicht heldenhaft, sondern ein Erfolg, den wir uns eigentlich gar nicht erwarten durften – weil Österreich zum ersten Mal für eine EM qualifiziert war. EM spielen will eben auch gelernt sein.